IMPRESSUM KONTAKT LETZTE AKTIONEN
BLOG RSS

web 2.0 Expo in Berlin

Kurz zusammen gefasst: Alles in allem war die web 2.0 expo in Berlin eine ziemliche teure Enttäuschung.

== inhaltlich ==
In den meisten workshops, in denen ich saß (das waren allerdings die weniger technischen – wie das Niveau anderer workshops war kann ich nicht beurteilen), hatte ich weiß Gott nicht den Eindruck, als ob die Jungs auf dem Podium dem Auditorium etwas zu sagen hätte, was dieses nicht schon gewusst hätte... Das ganze hatte so den Anspruch von „...wir erzählen jetzt dem interessierten Laien mal, was es mit diesem fürchterlich neuen und schrecklich aufregenden web 2.0 so auf sich hat...“. So führten beispielsweise 3 Journalisten im Hauptteil ihres Vortrag „What happens to print as the web rises?“ dem Fachpublikum allen Ernstes vor, was für Features verschiedene Online-Zeitungen auf ihren Websites den Lesern bieten. Ganz im Ernst! Als Projektarbeit in der Obestufe hätte dieser Vortrag Lob durchaus verdient – aber hey, einem Publikum, das hunderte von Euro bezahlt hat zu demonstrieren, was sie längst in der Praxis täglich nutzen, ist mehr als enttäuschend.

== Tim O'Reilly ==
Inhaltlich noch verheerender war nur die Keynote am Einführungstag, zu der "web 2.0 Messias Tim" O`Reilly höchst selbst zu uns hernieder stieg... und nicht zu vergessen die „netten“ Plaudereien zwischen O'Reilly und einer wichtigen Person der IT-Welt, während der Keynotes der anderen Tage. Du lieber Himmel! Als wäre er der Johannes B. Kerner des Internets - nur eben noch seichter als unser lieber Johannes.

== selbstkritische Reflektion ==
Eine kritische Hinterfragung möglicher negativer Nebenfolgen, die diese ganzen Entwicklungen mit sich bringen, die man mit dem Begriff web 2.0 zusammenfassen mag, habe ich schmerzlich vermisst. Sich dem im Rahmen einer web 2.0 Expo unaufgefordert zu stellen, halte ich schlicht für eine Frage der intellektuellen Redlichkeit.
Nehmen wir nur mal das Thema Datenschutz: Man kann das Thema natürlich einfach als „old fashioned“ und obsolet abtun - oder man kann der Tatsache Rechnung tragen, dass eine Generation vor uns sich das Recht auf Schutz der eigenen Daten hart erkämpft hat... Gerade eine Galionsfigur wie O'Reilly sollte auf so einem Event eigentlich Position beziehen. Statt dessen hört man ihn nur darüber raisonieren, wie viel doch die großen Telekommunikationsunternehmen über uns wissen – zum Beispiel mit wem wir wie oft und von wo aus telefonieren usw. - und wie wenig sie von diesem Dateschatz bedauerlicher Weise nur preisgeben... wie aufregend es doch wäre, wenn... Als ich ihn so reden hörte hab ich mich erschrocken umgeschaut. Erschrocken hat mich zwar auch, was ich da gerade von O'Reilly hörte – aber noch mehr erschrocken hat mich, was ich nicht hörte: keine Protestrufe, nicht mal ein irritiertes grumeln im Publikum! Um mich herum sah ich eigentlich nur die entspannten Gesichter von Menschen, die andächtig lauschten... Vor 20 Jahren hätte es bei dieser Passage von O'Reillys Verkaufsgesprächs vermutlich noch wütende Zwischenrufe gegeben, wahrscheinlicher aber ist, dass einige sogar das Podium gestürmt hätten.
Ich bin durchaus kein fanatischer Datenschützer, aber wo Kritiklosigkeit herrscht und sich kein Widerspruch regt, da gibt es auch kein nennenswertes kreatives und progressives Potential...

Insgesamt ermöglichte die web 2.0 Expo seinen Besuchern weniger einen kühnen visionären Blick auf das zukünftige Web, als vielmehr einen Überblick über den profanen status quo.


0 Kommentare


Autor